improvisitation n°1: Bernd Thewes


Echtzeitkomposition in der Begegnung von Ball-Jonglage und Klavierspiel / Video-Experiment

Echtzeitkomposition: Ein (Musik-)Stück entsteht, indem es am Instrument improvisiert wird; im Unterschied zum Komponieren, wo sich jemand das Stück ausdenkt, überlegt und es aufschreibt. Beim freien Improvisieren entsteht etwas , was man sich so nicht hätte ausdenken können, da über das Tun sich eins aus dem anderen ergibt. Beim Improvisieren tun die Hände auf dem Klavier Dinge, die nicht von den Gedanken vorgegeben werden. Genauso beim Jonglieren. Beim gemeinsamen Improvisieren kommt die Wechselwirkung der Akteur*innen bzw. Kunstformen hinzu.

Aus einem Missgeschick erwächst ein ästhetische Entdeckung:
Jonglage als „Stummfilm mit Live-Musik“
Das Improvisieren innerhalb des Projekt-Treffens beschränkt sich nicht nur auf die künstlerischen Impro-Sessions im engeren Sinne. Das ganze Treffen ist „etwas, das man sich so nicht hätte ausdenken können“. Aus einem Missgeschick bei der Video-Aufnahme ist ein experimentelles Video entstanden: Dadurch dass der Aufnahmemodus versehentlich auf „Zeitraffer“ verstellt war, wurde eine in Echtzeit 10-minütige Improvisation mit Klavier und Ball-Jonglage in der Aufnahme auf 20 Sekunden komprimiert. Da die Musik separat mitgeschnitten worden war, zogen wir die Videobilder zeitlich so in die Länge, dass die Aneinanderreihung der Einzelbilder mit der Länge der Audio-Aufnahme übereinstimmte. Als Ergebnis ist eine Art Einzelbildfilm entstanden. Die eigentlich fließenden Bewegungen der Jonglage sind nicht mehr zu sehen, vielmehr besteht der Film aus einer Aneinanderreihung von Freeze-Positionen, wodurch jede der eingefangenen Körperhaltungen (inkl. Positionen der Bälle) ausgestellt wird.

Jonglage als „Stummfilm mit Live-Musik“

Die besondere Wirkung entsteht u.a. durch die Trennung der beiden Wahrnehmungsebenen oder -kanäle „Bild“ und „Ton“. Während das Bild immer wieder angehalten wird – wie ein langsam durchgeblättertes Daumenkino – fließt die Musik kontinuierlich. Einen besonderen Reiz hat dabei auch die Überlagerung des gleichförmigen Rhythmus der springenden Einzelbilder mit den Rhythmen der Musik.

Bernd Thewes: „Ich finde es sehr interessant, dass die Bewegungen in der stop motion zwar de-naturalisiert werden, gleichzeitig aber sich ein Wahrnehmungsraum öffnet für die Rätselhaftigkeit des Zeitlichen, gerade im Perzeptionstausch mit der Musik.

Weiterführende Idee/Inspiration:
In der Folge dieses entstandenen Videos und seiner speziellen Ästhetik habe ich mit diesen exponierten Ballpositionen und Körperhaltungen experimentiert mit der Idee, diesen Bewegungsmodus auch in der „echten“ Jonglage herzustellen oder mich dem anzunähern: die Herausforderung, immer wieder Stopps oder Stills einzubauen – trotz und während des Weiterwirkens der Schwerkraft in Echtzeit.

Mehr zu Bernd Thewes: www.bernd-thewes.net

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