
Die Gedichte von Daniela Daub sind wie Spaziergänge durch die Sprache, bei denen sie die Bedeutungsmöglichkeiten der Worte abgeht.
Die hier versammelten Texte zeichnen sich durch eine große Einfachheit aus. Alltagsnotizen könnte man sagen, die aber eine Tiefe offenbaren, weil sie aus einem feinfühligen Erleben des Auf-der-Welt-Seins schöpfen und sich trauen, an der Grenze von Belanglosigkeit und Sensation entlangzuschreiben. Von Zeit zu Zeit regnet es, oder es scheint die Sonne. Indem jedes einzelne Gedicht für sich steht, ergibt sich ein Panorama. Ein eigenwilliger Blick auf einen Ausschnitt der Welt zwischen Naturbeschreibung und Selbstreflexion.
Gedichte (Leseprobe)
Morgens auf dem Balkon
Dieser Ort
mit seinem Ausschnitt des Himmels
Das Zittern der Blätter im Wind
Was ist eine Entscheidung? (Gibt es das?)
Das Verstreichen der Zeit
scheint in seiner Unwirklichkeit das einzig Wirkliche zu sein
Wünsche gibt es nicht. Man wünscht sie sich nur
Einen Augenblick lang denke ich
die Löwenzahnblüten sind alle weg
aber sie sind ja einfach bloß noch geschlossen
Alles grün da unten
Wald in den Ohren
ich sitze im Wald die Vögel waren schon vor mir da
die Bäume wachsen nach oben und unten gleichzeitig
ich sitze im Wald bin Ohrenzeuge meiner Anwesenheit
inmitten von Bäumen sitze ich zwischen den Ohren im Wald
der Wald geht in die Ohren die mit Moos bewachsenen
Gehörgänge betritt er vielstimmig wie aus einem Munde
geht er ein und aus er war schon vor mir da
die Ohren bleiben wo sie sind der Wald bleibt
wo er ist sind die Ohren sommers und winters geöffnet
ich gehe hinein und komme wieder heraus
Waldlehrpfad Trimm-Dich-Pfad Holzwege
der Wald geht in mich hinein der Wald kommt wieder heraus
zwischen meinen Ohren wächst Moos vor lauter Bäumen
höre ich den Wald und die Stimmen der Vögel lauter als
alle Flugzeuge Fabriken und Umgehungsstraßen zusammen
die Vögel waren schon vor mir da
und sie werden noch nach mir da sein
ich sitze im Wald ein seltsames Tier
in Outdoorjacke mit offenen Ohren
empfangen ich sitze im Wald
am Morgen
mühsam dem Schlaf entkommen / dem Traum entronnen
krumm wie mein zukünftiges Ebenbild
bin ich am Morgen
als könnten Körper und Bewusstsein getrennt voneinander existieren
brauche ich einige Zeit / um wieder hineinzuschlüpfen
in die / die ich gestern war
ein Ausschnitt der Welt vorm Fenster und im großen Spiegel im Flur
ein Mensch bei der Morgengymnastik
Wiedereingliederungsversuche in den eigenen Körper
ohne einander sind wir wie tot
ich habe in ihm übernachtet und
muss ihn nun wiederbeleben
und er mich
Haus und Garten
Diese fünfzig Quadratmeter sind ein Lebensraum,
den wir selten betreten, ein sogenannter Vorgarten,
die Fläche zwischen Straße und Haus.
Diese Wiese darf schon lange tun, was ihr gefällt,
seit über dreißig Jahren,
war hier der Rasenmäher nicht mehr unterwegs
Der Walnussbaum ist schätzungsweise sieben Meter hoch.
Wir haben ihn gepflanzt,
da war ich noch ein Kind.
Jetzt schlüpft die Meise in den Kasten durch das
kreisrunde Loch. Von weitem hör ich einen Frosch.
Ich sitze auf dem Holzstuhl an der warmen Hauswand.
Die Rhododendronbüsche sind schon länger hier,
schon länger als wir,
sie kannten diese Wiese noch als Rasen.
Erinnerst du dich an das Kribbeln in den Füßen?
Mit Rollschuhfahrgestellen an den Schuhen rollten wir
auf dem Asphalt.
Was gleich blieb, sind die Platten, die als Weg
vom Bürgersteig zur Haustür führen,
und auch das Vordach mit dem Regenrohr.
Wir denken immer noch,
es müsse alles bleiben
und alles immer weitergehen.
mein Kopf will spazierengehen heute
und in Ruhe gelassen werden
er will sich nicht einspannen lassen für irgendwelche Zwecke
die Gedanken wollen schweifen und nichts leisten
sie wollen nichts denken
sie wollen sich ausruhen, hüpfen und unwichtig sein
sie möchten tun, was sie wollen
ohne etwas zu wollen
der Kopf ist nicht nur der Behälter für diese Gedanken,
der Kopf ist auch dasjenige, was denkt, und dasjenige,
was nicht denken will
der Kopf ist innen und außen zugleich,
und die Gedanken wollen spazierengehen
ohne zu wissen wohin und sich auf eine Bank setzen
und in die Weite blicken
und Zeit haben
für gar nichts
Schwerkraft
wo bleibe ich
wenn ich nicht mehr mitkomme
wohin komme ich
wenn ich nicht mehr bleiben kann?
Änderungen bedürfen der Schriftform
heißt es bei Verträgen
das stimmt aber nicht
wenn es um Körperlichkeiten geht
und auch nicht beim Wetter
mein Kopf leidet unter seinem Fassungsvermögen
und verweigert die vermögenswirksamen Leistungen
gestern Schneeflocken wie nasse Daunen
die Apfelbäume im Blütenmantel frierend
man kann die Schwerkraft auch Gravitation nennen
und sich vorstellen, dass sie auf Gegenseitigkeit beruht
Es ist Frühling geworden
Es ist Frühling geworden,
aber er wird nicht bleiben können.
Ob diese blinkenden Kinderschuhe
irgendwann zum Elektroschrott müssen,
wenn die Sohlen abgelaufen oder die Schuhe zu klein geworden sind
bzw. die Füße zu groß,
frage ich mich.
Ob das jemals aufhört, dass alles, was machbar ist,
auch gemacht wird,
alles, was herstellbar ist, auch hergestellt wird.
Nur nicht der Weltfrieden.
Ob ich jemals herausfinden werde,
wer diese grüne Hustenbonboneinwickelfolie
auf sämtliche Spazierwege der Umgebung wirft.
Vorm marmorierten Abendhimmel
flattern Fledermäuse wie schwarze Schmetterlinge.
Ich sitze auf dem Balkon.